#KlassikfürZuhause: Matthias Goerne & Jan Lisiecki

„Jan Lisiecki hat das Zeug dazu, im Pianisten-Olymp zum Nachfolger des großen Alfred Brendel zu werden.“, schrieb vor zwei Jahren der Berliner Tagesspiegel und legte dem kanadischen Pianisten damit eine gefühlt mehrere Tonnen schwere Erwartungsdecke über die doch erst 24-jährigen Schultern. Bislang hat Lisiecki sie erfüllt: erfolgreiche Alben, ausverkaufte Konzerthäuser, lange Autogrammjägerschlangen an der Garderobentür. So oder so ähnlich war es doch auch beim „großen Alfred Brendel“. Was bislang noch fehlt? Liedbegleitung!

Am 20. März erschien die gemeinsame Aufnahme der Beethoven-Lieder von Matthias Goerne & Jan Lisiecki bei der Deutschen Grammophon.

Aus dem Booklet zur CD

von Christoph Vratz

Beethovens oft poetisch-innige Lieder zählen zu den am meisten unterschätzten Arbeiten des Komponisten. Oftmals haben die Symphonien und die großen Instrumentalwerke seine kleineren Kompositionen in den Schatten gedrängt. Auch die herausragende Bedeutung von Franz Schubert als Liedkomponist hat Beethovens Lieder das Nachleben erschwert. „Schubert überlagert Beethovens Leistungen im Liedbereich bis heute“, so Matthias Goerne. „Bei Schubert ist der Begriff Lied unweigerlich und fest mit seinem Namen verbunden, so dass alles, was sich zuvor entwickelt hatte, kaum mehr wahrgenommen wird.“ Das gilt, zu Unrecht, eben auch für die Lieder Ludwig van Beethovens.

Wie wenig die Gattung Kunstlied zur damaligen Zeit bereits etabliert war, zeigt Beethovens oft mühsame Suche nach einer geeigneten Bezeichnung: Der Kuss hat er als „Ariette“ bezeichnet, die Goethe-Vertonungen op. 83 nannte er mal „Lieder“, mal „Gesänge“. Adelaide hieß im Erstdruck sogar „Kantate“. Diese Beispiele zeigen, dass der Sologesang mit Klavierbegleitung seinerzeit noch nicht auf den heute üblichen Begriff „Lied“ festgelegt war.

Bitte kein gedanklicher Kurzschluss

Doch wäre es ein gedanklicher Kurzschluss, wollte man deshalb die musikhistorische Bedeutung von Beethovens Liedern bagatellisieren. Das dokumentiert auch Beethovens Auswahl der Textvorlagen und ihrer Dichter. Er besaß, darin Schubert ähnlich, eine sensible literarische Ader, auch jenseits seiner Leidenschaft für Shakespeare. Wie groß sein Textbewusstsein war, verrät allein die mühsam-zähe Suche nach einem ihm geeignet erscheinenden Opernlibretto. Für seine Lieder wählte er lediglich in Einzelfällen Vorlagen von Dichtern aus der Vergangenheit, etwa im Fall von Ludwig Höltys Klage. Beethovens wichtigste Quellen waren zeitgenössische Zeitschriften und Almanache.

Beethoven war sich sehr wohl bewusst, dass die Musik als punktgenauer Bedeutungsträger des Wortes funktionieren muss. Von unendlich vielen Harmonien gäbe es immer nur eine, die im Lied wirklich trifft, heißt es in einem seiner Briefe. Gesangsmelodien zu schreiben fiel Beethoven nicht leicht. Daher hat er auffallend instrumental für die Stimme komponiert und genau darin liegt eine der großen Herausforderungen. „Zwar sind die Melodien großartige geformt, aber es gibt nur wenige Lücken und damit nur wenige Möglichkeiten zu atmen“, betont Matthias Goerne.

Schwer zu singen

Beethovens Lieder sind vergleichsweise schwer zu singen: „Diese Werke brauchen eine intensive Vorbereitung, damit sie am Ende organisch wirken. Bei Schubert kann man sich leichter auf den eigenen Instinkt verlassen, doch die Beschäftigung mit Beethoven ist eine völlig andere. Man muss seinen Tonfall, der wesentlich vom Klavier mitgeprägt ist, und seine ganze Ästhetik auf die Stimme übertragen. Daher muss ich bei Beethoven vorab etliche Entscheidungen treffen, um nachher einen natürlichen Tonfall zu erreichen. Beim Frühromantiker Schubert ist das anders, bei ihm ergeben sich für den Sänger im Kleinen größere Freiheiten.

Beethoven schwankte in seinem Liedschaffen oft zwischen einfach und komplex. Mal blitzt sein Humor durch wie in Aus der Ferne, mal experimentiert er mit der Form wie in der artifiziellen Matthisson-Vertonung Adelaide, deren Aufbau Ähnlichkeiten mit einem klassischen Sonatensatz aufweist. Beethoven sucht und testet aus. Dass er dabei auf traditionelle Formen zurückgreift, verwundert nicht, war doch das Strophenlied, auch durch seine kirchliche Prägung, zu jener Zeit noch sehr in Mode. (…)

Auffallend sauber geschrieben

Das berühmteste Werk in Beethovens Liedkatalog ist zweifellos der Zyklus An die ferne Geliebte. Die Handschrift, so wie sie Beethovens Werkstatt verlassen hat, wird heute im Bonner Beethoven-Haus aufbewahrt. Es handelt sich um eine Reinschrift, die an den Verleger der Erstausgabe ging. Sie ist im Beginn auffallend sauber geschrieben. Manches, von dem zunächst noch nicht sicher war, ob es so bleiben soll, ist mit Bleistift notiert, etwa bei den Pedalangaben. Anderes hat Beethoven später mit Tinte nachgetragen, darunter einige Hinweise zur Dynamik.

(…)

Am Ende der Handschrift zur Fernen Geliebten finden sich noch einzelne Skizzen zum Klaviernachspiel, teils sind sie mit Bleistift, teils mit Tinte notiert. Daran erkennt man, dass Beethoven dieses Werk nie wirklich abgeschlossen hat, sondern sich immer weiter damit beschäftigte. Es ist also höchste Zeit, den Liedkomponisten Ludwig van Beethoven besser kennenzulernen.

Übrigens: Am 28. Februar 2020 könnt Ihr Jan Lisiecki zum nächsten Mal bei ProArte erleben. Begleitet vom Royal Philharmonic Orchestra spielt er Edvard Griegs berühmtes Klavierkonzert a-Moll op. 16. Mit einem Klick geht’s zu Konzert und Tickets!

Und: Das komplette Booklet zur CD inklusive der Liedtexte könnt Ihr Euch hier anschauen.